Das Naturtheater von Oklahoma - 03
Ganz bestimmt, sagte Fanny, es ist ja das größte Theater der Welt. Wie gut es sich trifft, daß wir wieder beisammen sein werden! Allerdings kommt es darauf an, welche Stelle du bekommst. Es wäre auch möglich, daß wir, auch wenn wir beide hier angestellt sind, uns doch gar nicht sähen.
Ist denn das Ganze wirklich so groß? fragte Karl.
Es ist das größte Theater der Welt, sagte Fanny nochmals, ich habe es allerdings selbst noch nicht gesehen, aber manche meiner Kolleginnen, die schon in Oklahoma waren, sagen, es sei fast grenzenlos.
Es melden sich aber wenig Leute, sagte Karl und zeigte hinunter auf die Burschen und die kleine Familie.
Das ist wahr, sagte Fanny. Bedenke aber, daß wir in allen Städten Leute aufnehmen, daß unsere Werbetruppe immerfort reist und daß es noch viele solcher Truppen gibt.
Ist denn das Theater noch nicht eröffnet?" fragte Karl. O ja, sagte Fanny, es ist ein altes Theater, aber es wird immerfort vergrößert.
Ich wundere mich, sagte Karl, daß sich nicht mehr Leute dazu drängen.
Ja, sagte Fanny, es ist merkwürdig. Vielleicht, sagte Karl, schreckt dieser Aufwand an Engeln und Teufeln mehr ab, als er anzieht.
Wie du das herausfinden kannst! sagte Fanny. Es ist aber möglich. Sag es unserem Führer, vielleicht kannst du ihm dadurch nützen.
Wo ist er? fragte Karl.
In der Rennbahn, sagte Fanny, auf der Schiedsrichtertribüne. Auch das wundert mich, sagte Karl, warum geschieht denn die Aufnahme auf der Rennbahn?
Ja, sagte Fanny, wir machen überall die größten Vorbereitungen für den größten Andrang. Auf der Rennbahn ist eben viel Platz. Und in allen Ständen, wo sonst die Wetten abgeschlossen werden, sind die Aufnahmekanzleien eingerichtet. Es sollen zweihundert verschiedene Kanzleien sein.
Aber, rief Karl, hat denn das Theater von Oklahoma so große Einkünfte, um derartige Werbetruppen erhalten zu können?
Was kümmert uns denn das? sagte Fanny. Aber nun geh, Karl, damit du nichts versäumst, ich muß auch wieder blasen. Versuche, auf jeden Fall einen Posten bei dieser Truppe zu bekommen, und komm gleich zu mir, es melden. Denke daran, daß ich in großer Unruhe auf die Nachricht warte.
Sie drückte ihm die Hand, ermahnte ihn zur Vorsicht beim Hinabsteigen, setzte wieder die Trompete an die Lippen, blies aber nicht, ehe sie Karl unten auf dem Boden in Sicherheit sah. Karl legte wieder die Tücher über die Treppe, so wie sie früher gewesen waren. Fanny dankte durch Kopfnicken, und Karl ging, das eben Gehörte nach verschiedenen Richtungen hin überlegend, auf den Mann zu, der schon Karl oben bei Fanny gesehen und sich dem Postament genähert hatte, um ihn zu erwarten.
Sie wollen bei uns eintreten? fragte der Mann. Ich bin der Personalchef dieser Truppe und heiße Sie willkommen. Er war ständig wie aus Höflichkeit ein wenig vorgebeugt, tänzelte, obwohl er sich nicht von der Stelle rührte, und spielte mit seiner Uhrkette.
Ich danke, sagte Karl, ich habe das Plakat Ihrer Gesellschaft gelesen und melde mich, wie es dort verlangt wird.
Sehr richtig, sagte der Mann anerkennend, leider verhält sich hier nicht jeder so richtig.
Karl dachte daran, daß er jetzt den Mann darauf aufmerksam machen könnte, daß möglicherweise die Lockmittel der Werbetruppe gerade wegen ihrer Großartigkeit versagten. Aber er sagte es nicht, denn dieser Mann war gar nicht der Führer der Truppe, und außerdem wäre es wenig empfehlend gewesen, wenn er, der noch gar nicht aufgenommen war, gleich Verbesserungsvorschläge gemacht hätte. Darum sagte er nur: Es wartet draußen noch einer, der sich auch anmelden will und der mich nur vorausgeschickt hat. Darf ich ihn jetzt holen?
Natürlich, sagte der Mann, je mehr kommen, desto besser.
Er hat auch eine Frau bei sich und ein kleines Kind im Kinderwagen. Sollen die auch kommen?
Natürlich, sagte der Mann und schien über Karls Zweifel zu lächeln. Wir können alle brauchen.
Ich bin gleich wieder zurück, sagte Karl und lief wieder zurück an den Rand des Podiums. Er winkte dem Ehepaar zu und rief, daß alle kommen dürften. Er half, den Kinderwagen auf das Podium heben, und sie gingen nun gemeinsam. Die Burschen, die das sahen, berieten sich miteinander, stiegen dann langsam, bis zum letzten Augenblick noch zögernd, die Hände in den Taschen, auf das Podium hinauf und folgten schließlich Karl und der Familie. Eben kamen aus dem Stationsgebäude der Untergrundbahn neue Passagiere hervor, die, angesichts des Podiums mit den Engeln, staunend die Arme erhoben. Immerhin schien es, als ob die Bewerbung um Stellen nun doch lebhafter werden sollte. Karl war sehr froh, so früh, vielleicht als erster, gekommen zu sein, das Ehepaar war ängstlich und stellte verschiedene Fragen darüber, ob große Anforderungen gestellt würden. Karl sagte, er wisse noch nichts Bestimmtes, er hätte aber wirklich den Eindruck erhalten, daß jeder ohne Ausnahme genommen würde. Er glaube, man dürfe getrost sein.