Ein Landhaus bei New York - 12
Ja, spät ist es schon, sagte sie, und es schien ihr die Lust zur Musik schon vergangen zu sein. Dann widerhallt hier auch jeder Ton im ganzen Hause, ich bin überzeugt, wenn Sie spielen, wacht noch oben in der Dachkammer die Dienerschaft auf. Dann lasse ich also das Spiel, ich hoffe ja bestimmt noch wiederzukommen; übrigens, wenn es Ihnen keine besondere Mühe macht, besuchen Sie doch einmal meinen Onkel und schauen Sie bei der Gelegenheit auch in mein Zimmer. Ich habe ein prachtvolles Piano. Der Onkel hat es mir geschenkt. Dann spiele ich Ihnen, wenn es Ihnen recht ist, alle meine Stückchen vor, es sind leider nicht viele, und sie passen auch gar nicht zu einem so großen Instrument, auf dem nur Virtuosen sich hören lassen sollten. Aber auch dieses Vergnügen werden Sie haben können, wenn Sie mich von Ihrem Besuch vorher verständigen, denn der Onkel will nächstens einen berühmten Lehrer für mich engagieren - Sie können sich denken, wie ich mich darauf freue -, und dessen Spiel wird allerdings dafür stehen, mir während der Unterrichtsstunde einen Besuch zu machen. Ich bin, wenn ich ehrlich sein soll, froh, daß es für das Spiel schon zu spät ist, denn ich kann noch gar nichts, Sie würden staunen, wie wenig ich kann. Und nun erlauben Sie, daß ich mich verabschiede, schließlich ist es ja doch schon Schlafenszeit. Und weil ihn Klara gütig ansah und ihm wegen der Rauferei gar nichts nachzutragen schien, fügte er lächelnd hinzu, während er ihr die Hand reichte: In meiner Heimat pflegt man zu sagen: >Schlafe wohl und träume süß.<
Warten Sie, sagte sie, ohne die Hand anzunehmen, vielleicht sollten Sie doch spielen. Und sie verschwand durch eine kleine Seitentür, neben der das Piano stand. >Was ist denn?< dachte Karl. >Lange kann ich nicht warten, so lieb sie auch ist.< Es klopfte an der Gangtüre, und der Diener, der die Türe nicht ganz zu öffnen wagte, flüsterte durch einen kleinen Spalt: Verzeihen Sie, ich wurde soeben abberufen und kann nicht mehr warten.
Gehen Sie nur, sagte Karl, der sich nun getraute, den Weg ins Speisezimmer allein zu finden. Lassen Sie mir nur die Laterne vor der Türe. Wie spät ist es übrigens? Bald dreiviertel zwölf, sagte der Diener.
Wie langsam die Zeit vergeht! sagte Karl. Der Diener wollte schon die Türe schließen, da erinnerte sich Karl, daß er ihm noch kein Trinkgeld gegeben hatte, nahm einen Schilling aus der Hosentasche - er trug jetzt immer Münzengeld, nach amerikanischer Sitte lose klingelnd, in der Hosentasche, Banknoten dagegen in der Westentasche - und reichte ihn dem Diener mit den Worten: Für Ihre guten Dienste.
Klara war schon wieder eingetreten, die Hände an ihrer festen Frisur, als es Karl einfiel, daß er den Diener doch nicht hätte wegschicken sollen, denn wer würde ihn jetzt zur Station der Stadtbahn führen? Nun, da würde wohl schon Herr Pollunder einen Diener noch auftreiben können, vielleicht war übrigens dieser Diener ins Speisezimmer gerufen worden und würde dann zur Verfügung stehen.
Ich bitte Sie also doch, ein wenig zu spielen. Man hört hier so selten Musik, daß man sich keine Gelegenheit, sie zu hören, entgehen lassen will. Dann ist es aber höchste Zeit, sagte Karl ohne weitere Überlegungen und setzte sich gleich zum Klavier.
Wollen Sie Noten haben? fragte Klara.
Danke, ich kann ja Noten nicht einmal vollkommen lesen, antwortete Karl und spielte schon. Es war ein kleines Lied, das, wie Karl wohl wußte, ziemlich langsam hätte gespielt werden müssen, um, besonders für Fremde, auch nur verständlich zu sein, aber er hudelte es in ärgstem Marschtempo hinunter. Nach der Beendigung fuhr die gestörte Stille des Hauses wie in großem Gedränge wieder an ihren Platz. Man saß wie benommen da und rührte sich nicht.
Ganz schön, sagte Klara, aber es gab keine Höflichkeitsformel, die Karl
nach diesem Spiel hätte schmeicheln können.
Wie spät ist es? fragte er.
Dreiviertel zwölf.
Dann habe ich noch ein Weilchen Zeit, sagte er und dachte bei sich: >Entweder - oder. Ich muß ja nicht alle zehn Lieder spielen, die ich kann, aber eines kann ich nach Möglichkeit gut spielen.< Und er fing sein geliebtes Soldatenlied an. So langsam, daß das aufgestörte Verlangen des Zuhörens sich nach der nächsten Note streckte, die Karl zurückhielt und nur schwer hergab. Er mußte ja tatsächlich bei jedem Lied die nötigen Tasten mit den Augen erst zusammensuchen, aber außerdem fühlte er in sich ein Leid entstehen, das, über das Ende des Liedes hinaus, ein anderes Ende suchte und es nicht finden konnte. Ich kann ja nichts, sagte Karl nach Schluß des Liedes und sah Klara mit Tränen in den Augen an. Da ertönte aus dem Nebenzimmer lautes Händeklatschen. Es hört noch jemand zu! rief Karl aufgerüttelt.